BannerbildBannerbildBannerbildBannerbildBannerbild
Link verschicken   Druckansicht öffnen
 

Fidel Gantert  (1807-1879)

Birkendorfer Kaufmann, kritischer Geist

oder Revolutionär?

 

Fidel Gantert ist ein Sohn von Joseph Gantert (1734-1829), der ein Bruder  des Birkendorfer Handelsmanns Johann Gantert (1734-1829)[1] war. Fidel wird in den Büchern ebenfalls Handelsmann genannt. Die Ganterts   waren eine recht erfolgreiche Handelsdynastie

 

Fidel Gantert hatte im heutigen Haus Stulz gewohnt, wie aus alten Ortsplänen hervorgeht

 

 

 

 

im-espel

flurstücknummern

Fidel Gantert scheint ein kritischer Geist gewesen zu sein: Als im Jahre 1849 die Gemeinde 150 Morgen schlagbaren Wald unter die Hausbesitzer verteilen wollte, verwahrte er sich dagegen. Doch da Gantert durch seine Teilnahme an den Mai-Aufständen der Badischen Revolution 1849 sein Bürgerrecht verloren hatte, stand ihm    kein Verwahrungsrecht in dieser Sache zu.

In der Chronik von Oberlehrer Hermann[1] heißt es, Fidel Gantert sei nach seiner [Wieder-] Einbürgerung immer noch ein großer Hetzer und Nörgler gewesen und habe versucht, die Ortsregierung zu verdächtigen und die Bürger gegen diese aufzuhetzen.

 

 

Ein Teilnehmer der Badischen Revolution aus Birkendorf! Da will man mehr darüber wissen! Also eintauchen in die Archive!

 

In den Landesarchiven von Freiburg und im Generallandesarchiv Karlsruhe füllen Vorgänge von Fidel Gantert einige Dokumentbündel.

 

An die Badische Landesregierung sind viele Petitionen Ganterts verzeichnet. Unter anderem eine Petition zur Abschaffung der Körperstrafen in der Volksschule, oder für das Vorschlagsrecht der Gemeinden bei der Lehrerbesetzung.

1839 protestierte er gegen seine Exkommunikation wegen eines fehlenden Beichtzettels zur Osterkommunion.[2]

 

Besonders umfangreich sind die Akten, die sich mit seiner Revolutionsteilnahme befassen, dem daraus resultierenden Zuchthausaufenthalt, dem Verlust seiner Staatsbürgerschaft und dem 10 Jahre währenden Papierkrieg, um den Wiedererhalt seiner Bürgerrechte.

 

 

Die folgenden Texte sind aus einer Transskription des Archivmaterials, die nicht einfach war, weil die Texte zum Teil schwer oder gar nicht zu entziffern waren. Besonders auf den Amtsstuben befleißigte man sich häufig einer „Saupfote“. Lesefehler meinerseits sind deshalb nicht auszuschließen.

Fidel Gantet jedoch schrieb vorbildlich, war er doch gelernter Gerichts-Aktuar, also Gerichtsschreiber gewesen.

 

 

 

Erster Überblick über Fidel Ganterts Leben

 

Franz Fidel Gantert kam am 18. Sept 1807 als 5. Kind von Joseph Gantert und Caecilia Thoma zur Welt.

 

Er ist wohl in Birkendorf zur Schule gegangen. Eine  weiterführende Schule wird er besucht haben, denn an der Universität Freiburg ist er für vier Semester in der Philosophischen Fakultät eingeschrieben (WS 1827/28, SS 1828,  WS 1828/29, SS 1829)[3]. Er scheint das Studium nicht abgeschlossen zu haben, denn  vier Semester später wandte er sich einer anderen Ausbildung zu.

 

Er macht eine Ausbildung zum Gerichtsaktuar, also Gerichtsschreiber. Auf welchem Amt er gelernt hat ist noch unbekannt.

 

1838   heiratet er Josepha Christmann aus Breisach. Ein Jahr später kommt Tochter Arminia Gantert[4] zur Welt, die sich später als Ordensgründerin einen Namen machen wird.

 

Fidel Gantert im Hegau

 

Nach zehn informationslosen Jahren finden wir Fidel Gantert mit seiner Familie im Hegau, wo er zunächst in Singen wohnt, danach in Schlatt unter Krähen.  

In der Personalakte Ganterts [5]finden sich Beschwerden über vorenthaltenen Lohn für Schreibarbeiten am Bezirksamt Engen, wo er als Aktuar tätig war. Fidel Gantert legt sich hier mit Amtsvorstand Ganter an, der später das Amt Bonndorf leitet und dort wieder mit Fidel aneinander kommt.

 

Die Ganterts waren im Hegau als Händler tätig. Dies erfährt man aus einer Anzeige im Stockacher Landboten vom 27. November 1848.

 

handelsware-1 handelsware-2

 

umzug

Im selben Blatt gibt er am 8. Dezember 1848 seinen Umzug von Singen nach Schlatt u.Kr. bekannt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gründung MärzvereionEnde 1848 wird Fidel Gantert politisch aktiv. Überall im Lande bilden sich politische Vereine, die Märzvereine. Vielleicht vergleichbar mit den heutigen Parteien. Fidel ist Obmann des Comites zur Bildung des „Märzvereins in der Landschaft Höhgau“. Er lädt zur Vereinsgründung am 6. Januar 1949 in die „Sonne“ nach Aach ein.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ende 1948 will Fidel Gantert ein Wochenblatt   herausgeben, die „Landhechel“, die aber nicht erscheinen darf:

 

 reichstagszeitung

gradaus

 

 

 

 

 

Am 1. Juni 1848 wird in Baden eine provisorische Regierung gebildet.

Der Landesausschuss der Volksvereine setzte für jeden der vier Kreise einen Ober-Kommissär und für jeden Amtsbezirk einen Civil-Kommissär ein. Diese Personen sollten für die Umsetzung der Beschlüsse der Volksversammlung und des Landesausschusses sorgen. Im ersten Schritt sollte insbesondere die Vereidigung der Beamten auf die neue Regierung erfolgen und Beamte, die den Eid verweigerten, sollten aus ihrem Amt entfernt werden.

 

Fidel Gantert wird Schriftführer des Zivilkommissärs Compost in Radolfzell.

 

staatsbürgerschaftIm Juni marschieren die Preußen in Baden ein, um die Aufstände zu beenden. In den Wochen und Monaten danach etabliert sich das alte System wieder. Den „Revolutionären“ wird der Prozess gemacht.

 

Gegen Fidel Gantert wird vom Amtsgericht Stockach wegen Hochverrats ermittelt. Fidel entzieht sich den Ermittlungen durch Flucht in die Schweiz, wo er sich in Frauenfeld aufhält.

 

Wegen beharrlicher Landesflucht wird ihm die Staats-bürgerschaft entzogen.

 

 

regensburger zeitung

 

Vom Hofgericht Konstanz wird Fidel Gantert wegen Teilnahme an der Mairevolution am 17. Juli 1850 zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt.

 

Den Recurs (=Einspruch) zu seinem Urteil nimmt Fidel Gantert noch aus Frauenfeld auf.

 

Wann er aus Frauenfeld ins Badische zurückgekommen ist nicht bekannt. Jedenfalls hat er auch von dort aus seine Familie finanziell unterstützt, die wieder in Birkendorf war.

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

bruchsal

 

Die Justizvollzugsanstalt Bruchsal (ehem. Landesstrafanstalt Bruchsal) ist eine Justizvollzugsanstalt (JVA) in Bruchsal, Baden-Württemberg. Umgangssprachlich wird die Anstalt auch „Stern zu Bruchsal“ oder „Café Achteck“ (wegen der achteckigen Gefängnismauer) genannt.

Das Hauptgebäude an der Schönbornstraße nordöstlich der Innenstadt wurde 1841–1848 als „Männerzuchthaus“ nach Plänen des Architekten und hochrangigen badischen Baubeamten Heinrich Hübsch errichtet. Vorbild für den vierflügligen Zentralbau mit seinen an eine Festung erinnernden, zinnenbekrönten Außenmauern war das Eastern State Penitentiary in Philadelphia (USA). Nach der Eröffnung im badischen Revolutionsjahr 1848 nahm die Anstalt zunächst die Gefangenen des niedergeschlagenen Aufstands auf. –

 

Also war auch Fidel Gantert mindestens ein Jahr im Zuchthaus Bruchsal. Wann er seine Strafe antreten musste, ist bisher noch nicht klar. Irgendwann im Jahre 1850. Entlassen wurde er wegen Wohlverhalten im September 1851, siehe seinen „Laufpass“ vom 2.9.1851.

 

schiedsgerichtIn den folgenden 10 Jahren hat Fidel Gantert in einem zähen Papierkrieg die Behörden vom Gemeinderat über das Bezirksamt Bonndorf bis hin zu den Ministerien in Karlsruhe beschäftigt. Mit seinen zahlreichen Schreiben und Einsprüchen und Petitionen wurde er zum Albtraum der Amtsstuben.

 

Vom Amtsleiter Ganter in Bonndorf konnte er kein Entgegenkommen erwarten, da er ihn vorher im Amt Engen öffentlich schwer angegangen hat.  In seiner Personalakte sind Beschwerden gegen ihn festgehalten. Wie es scheint auch berechtigt.

 

Fidel G. gab nie auf. Endlich am 9. Nov. 1861 wurde er wieder ins Bürgerrecht eingesetzt.

Für das wirtschaftliche Überleben seine Familie war dies wichtig. Zum Beispiel wegen des Bürgernutzen und  Beholzungsrecht.

 

Fidel Gantert versuchte immer wieder wirtschaftlich auf die Beine zu kommen:1855 schreibt er eine Handreichung für Schiedsrichter in Rechtssachen.

Fidel Gantert ist Agent des Deutschen Nationalvereins für Handel und Gewerbe in Leipzig (22.2.1853)

Für die Firma Rabus & Stoll in Mannheim führte Gantert  eine Feuerversicherungsagentur und eine Auswanderungsagentur.

Die Befugnis, Parteien vor Gericht zu vertreten und außergerichtliche Verhandlungen aufzunehmen wurde ihm verweigert. Man wollte keinen Winkeladvokaten.

1854 wendet sich Gantert an das erzbischöfliche Generalvikariat wegen Wiedereinrichtung der Pfarrei Birkendorf und weist auf die Stiftung seiner Tante Maria Gantert hin.

1859 Fidel Gantert, Benedikt Gantert und Johann Gantert aus Waldshut wenden sich an Erzbischof Herrmann in Freiburg wegen der Wiedereinrichtung einer Pfarrei.

 

1857 bewirbt sich Gantert um das Ratschreiberamt in Schönau

Verweigert wurde ihm der Betrieb einer Druckerpresse, um ein Informationsblatt, den „Handelsmann“ herauszugeben

Immer wieder wurde seine Beteiligung an der Revolution als Grund herangezogen ihm etwas zu verweigern. In der Begründung heißt es: Wenn man berücksichtigt, daß der entlassene Amtsactuar Gantert und früherer Redakteur das eine Jahr 1849 ganz kurze Zeit in Stockach erschienenen revolutionären Blattes „die Landhechel“ einer der frechsten Volksaufwiegler im Jahr 1848 und 1849 ist, welcher jetzt nach Entlassung aus dem Zuchthaus statt für sich und seine Familie mit Arbeiten das Leben zu verdienen, die Behörden mit unbegründeten Beschwerdeschriften behelligt, den Winkeladvokaten macht und mit Ernährung seiner armen Familie seiner Heimatgemeinde zur Last fällt,…..

Fidel Ganter blieb Zeit seines Lebens ein Streithansel. Er hielt seine Kinder weiterhin vom Schulbesuch fern, wegen eines Vorfalls mit dem Lehrer Peter, der deshalb disziplinarisch strafversetzt worden war.

Gantert erhielt dafür eine Geldstrafe, die ihm aber erlassen wurde, ebenso die Umwandlung in eine Haftstrafe „Fidel Gantert, den wir seit Jahren als einen verbissenen und unermüdlichen Querulanten kennen..“ heißt es in der Begründung der Behörde.

 

In späteren Jahren legte er sich mit seiner Schwägerin Fanny Christmann an wegen Verleumdung und Ehrenkränkung.

 

Fidel Gantert starb am 3. Januar 1879

 

 

 

______________________________________________________________________________________________________

 

[1] Birkendorfer Persönlichkeiten, Johann Gantert, Erfogreicher Kaufmann aus Bikendorf

[1] Oswald Herrmann, Heimatgeschiche von Birkendorf im Schwarzwald, Typoskript

[2] Klerus und abweichendes Verhalten, zur Sozialgeschichte kath.Priester im 19. Jh, Irmtraud Götz v.Oelnhusen

[3] Die Matrikel der Universität Freiburg von 1806-1870

[4] Birkendorfer Persönlichkeiten, Arminia Gantert eine Ordensgründerin aus Birkendorf

5] GLA Karlsruhe